Emotionsregulation bei Kindern – Mutter begleitet Wutanfall ihres Kindes ruhig und einfühlsam
Emotionen begleiten

Emotionsregulation bei Kindern: Warum dein Kind seine Gefühle (noch) nicht steuern kann

Monika Wörle 26. Februar 2026 14 Minuten Lesezeit

Supermarkt. Kassenschlange. Dein Dreijähriger will die Schokolade. Du sagst Nein. Und dann passiert es.

Er wirft sich auf den Boden. Schreit. Strampelt. Weint. Der ganze Laden schaut. Eine ältere Dame schüttelt den Kopf. Du spürst, wie die Hitze in deinen Wangen aufsteigt. In deinem Kopf kämpfen zwei Stimmen: "Bleib ruhig, du weißt, das ist normal" gegen "Ich will einfach nur, dass es aufhört."

Ich kenne diese Situation. Nicht nur aus meiner Praxis, sondern aus 35 Jahren als Kindergartenleitung, in denen ich Tausende solcher Momente miterlebt habe. Und ich sage dir: Was gerade passiert, ist nicht das Versagen deines Kindes. Es ist sein Gehirn, das noch nicht fertig gebaut ist.

Warum können Kinder ihre Emotionen nicht allein regulieren?

Die kurze Antwort: Weil der Teil ihres Gehirns, der dafür zuständig ist, noch nicht fertig entwickelt ist.

Das Upstairs-Downstairs-Brain

Stell dir das Gehirn deines Kindes wie ein Haus mit zwei Stockwerken vor. Dieses Bild stammt vom Neurowissenschaftler Daniel Siegel.

Das Erdgeschoss (Downstairs Brain) ist der ältere Teil des Gehirns – der Hirnstamm und das limbische System. Hier sitzen die starken Emotionen: Wut, Angst, Freude, Trauer. Dieses Stockwerk ist bei der Geburt weitgehend fertig.

Das Obergeschoss (Upstairs Brain) ist der präfrontale Kortex – der jüngste Teil des Gehirns. Hier sitzen Impulskontrolle, logisches Denken, Empathie und eben die Emotionsregulation. Das Obergeschoss ist bei Kindern eine Baustelle. Vollständig ausgereift ist der präfrontale Kortex erst mit etwa 25 Jahren.

Die Gefühle-Ampel: Grün, Gelb, Rot

Grüne Phase: Alles gut

Dein Kind ist entspannt, kooperativ. Das Obergeschoss ist aktiv. Jetzt ist die beste Zeit zum Lernen und Üben.

Gelbe Phase: Es wird brenzlig

Dein Kind wird unruhig, nörgelig. Frühzeitig eingreifen – Nähe anbieten, Bedürfnisse erkennen.

Rote Phase: Der Sturm

Das Erdgeschoss hat übernommen. Nicht diskutieren oder erklären – jetzt helfen nur die 3 SOS-Werkzeuge.

Co-Regulation: Warum dein Kind DICH braucht

Co-Regulation bedeutet: Dein Kind kann seine Emotionen noch nicht allein regulieren. Es braucht dein Nervensystem als Vorbild und als Anker. Wenn du ruhig bist, signalisiert dein Körper dem Kind: "Es ist sicher. Die Welt geht nicht unter."

Wenn du merkst, dass du selbst am Limit bist – wenn der Mama Burnout an dir nagt und der Mental Load deinen Kopf flutet – dann ist das nicht egoistisch, daran zu arbeiten. Es ist die Grundlage dafür, dass du dein Kind regulieren kannst.

3 SOS-Werkzeuge für akute Situationen

1

Spiegeln und Benennen

Sag ruhig und klar: 'Du bist wütend.' oder 'Du bist traurig.' Wenn du das Gefühl benennst, fühlt sich dein Kind gesehen – und allein das beruhigt. Neurowissenschaftler nennen das 'name it to tame it'. Kein Aber, keine Bewertung – das Gefühl darf einfach da sein.

2

Der Körper-Anker

Biete körperliche Sicherheit an: eine Umarmung, eine Hand auf dem Rücken, deine ruhige Präsenz. Berührung aktiviert das Oxytocin-System. Wenn dein Kind dich wegstößt: 'Ich bin hier. Wenn du mich brauchst, komme ich sofort.' Deine Anwesenheit allein ist ein Anker.

3

Die Nachwärme

Nachdem der Sturm vorbei ist: 'Das war ein großes Gefühl. Das war anstrengend, oder? Ich bin stolz auf dich, dass du es durchgefühlt hast.' Erst jetzt – wenn das Obergeschoss wieder online ist – kannst du über das Verhalten sprechen.

5 Langzeit-Strategien zur Emotionsregulation fördern

  1. 1

    Alle Gefühle willkommen heißen

    Dein Kind lernt Emotionsregulation nur, wenn es ALLE Gefühle fühlen darf – auch die unbequemen. Dein Job ist nicht, die Gefühle wegzumachen, sondern den Raum zu halten.

  2. 2

    Gefühle im Alltag benennen

    Warte nicht auf den nächsten Wutanfall. Benenne Gefühle in ruhigen Momenten: beim Abendessen, beim Vorlesen, beim Abholen. Je öfter dein Kind Worte für Gefühle hört, desto besser kann es sie selbst benutzen.

  3. 3

    Die 15-Minuten-Insel

    Jeden Tag 15 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit. Kein Handy, kein Geschwisterkind. Dein Kind bestimmt, was ihr macht. Diese 15 Minuten füllen den emotionalen Tank – und ein Kind mit vollem Tank hat weniger Ausbrüche.

  4. 4

    Dein eigenes Gefühlsmodell sein

    Kinder lernen durch Beobachtung. Wenn du deine eigenen Gefühle benennst und regulierst, zeigst du, wie es geht. Sei ehrlich mit deinen Emotionen – altersgerecht, aber echt.

  5. 5

    Rituale für emotionale Sicherheit

    Feste Rituale geben Kindern Halt – und Halt reduziert emotionale Ausbrüche. Vorhersehbarkeit ist Sicherheit. Und Sicherheit ist die Grundlage für Emotionsregulation.

Altersgerechte Erwartungen: Was ist wann normal?

AlterWas ist normal?
1–2 JahreGefühlsausbrüche an der Tagesordnung. Keine Impulskontrolle. Dein Job: Da sein, halten, aushalten.
3–4 JahreAutonomiephase. Wutanfälle häufig und intensiv. Erste Anfänge von 'Ich bin wütend' statt Schreien.
5–6 JahreKann zunehmend Gefühle benennen. Unter Stress fällt es zurück in alte Muster – das ist normal.
7–10 JahreSelbstregulation wird stabiler. Braucht dich aber immer noch als Anker bei Überforderung.
Ab 10 JahreHormonelle Veränderungen erschweren Regulation wieder. Stimmungsschwankungen sind normal.
"Jeder Wutanfall, den du begleitest, ohne zu schreien, ist eine Lektion in Sicherheit. Jedes Mal, wenn du sagst 'Du bist wütend. Das ist okay. Ich bin hier', baust du eine neuronale Verbindung auf."
– Monika Wörle

Selbstvertrauen verändert Generationen. Und es beginnt mit der Erlaubnis, Gefühle zu fühlen – deine eigenen und die deines Kindes.

Häufige Fragen zur Emotionsregulation bei Kindern

Warum kann mein Kind seine Emotionen nicht regulieren?

Der präfrontale Kortex – der Gehirnteil für Impulskontrolle und Emotionsregulation – ist bei Kindern noch nicht ausgereift und erst mit etwa 25 Jahren vollständig entwickelt. Kinder brauchen deshalb die Co-Regulation durch Erwachsene.

Was hilft bei einem Wutanfall bei Kindern?

Drei SOS-Werkzeuge helfen: 1. Spiegeln und Benennen ('Du bist wütend'), 2. Körper-Anker (Nähe, ruhige Präsenz), 3. Nachwärme (nach dem Sturm trösten). Wichtig: Nicht diskutieren oder schimpfen, wenn das Kind im Gefühlssturm ist.

Was ist Co-Regulation bei Kindern?

Co-Regulation bedeutet, dass ein Kind sich mithilfe des Nervensystems einer Bezugsperson beruhigt. Wenn Eltern ruhig bleiben, signalisiert ihr Körper dem Kind Sicherheit. Das Kind reguliert sich an der Ruhe des Erwachsenen herunter.

Sind Wutanfälle bei Kindern normal?

Ja, Wutanfälle sind entwicklungsbedingt normal, besonders im Alter von 1–4 Jahren. Häufige und intensive Wutanfälle sind kein Zeichen von schlechter Erziehung, sondern von normaler Gehirnentwicklung.

Ab wann können Kinder ihre Gefühle selbst regulieren?

Ab etwa 5–6 Jahren können Kinder erste einfache Strategien anwenden. Ab 7–10 Jahren wird die Selbstregulation stabiler. Aber selbst ältere Kinder brauchen in stressigen Situationen noch die Co-Regulation durch Bezugspersonen.

Monika Wörle – Heilpraktikerin für Psychotherapie

Monika Wörle

Heilpraktikerin für Psychotherapie · 40+ Jahre Erfahrung · Allgäu

Ausgebildet in bindungsbasierter Beratung bei Prof. Dr. Karl Heinz Brisch. 35 Jahre Kindergartenleitung. Begleitet Familien online und persönlich im Raum Ostallgäu.